Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre
insbesondere Revisions- und Treuhandwesen

(Financial Accounting and Auditing)
Prof. Dr. Gerhard Scherrer

 

Value Audit

Unter "value audit" wird ein in der Praxis entwickelter neuer Prüfungsansatz verstanden, der als eine Weiterentwicklung des risikoorientierten Prüfungsansatzes (audit risk Ansatz) betrachtet wird. Als Gründe für die Notwendigkeit der Weiterentwicklung des risikoorientierten Prüfungsansatzes werden einerseits das für die Wirtschaftsprüfung geänderte Umfeld, andererseits die geringe praktische Relevanz des audit risk Ansatzes gesehen. Die relevanten Änderungen des Umfeldes für die Wirtschaftsprüfung betreffen dabei insbesondere die bestehende Erwartungslücke, die Änderungen hinsichtlich Prüfungsgegenstand und Prüfungsumfang durch das KonTraG sowie den zunehmenden Wettbewerb auf dem Prüfungsmarkt.

Ausgangspunkt des neuen Prüfungsansatzes ist, daß einerseits die Zuverlässigkeit von Routinetransaktionen im Rechnungswesen der Unternehmen gestiegen ist. Dies wird zum einen auf den verstärkten Einsatz von EDV-Anlagen zurückgeführt. Zum anderen wird unterstellt, daß die Geschäftsführung der Unternehmen selbst ein großes Interesse an der Zuverlässigkeit der Rechnungslegungsdaten hat, da diese auch Grundlage für im Unternehmen zu treffende Entscheidungen sind. Andererseits ist festzustellen, daß vom Abschlußprüfer in zunehmenden Maße die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten verlangt wird, auch wenn dies nicht primär Gegenstand der Jahresabschlußprüfung ist. Um der damit einhergehenden Verschiebung der Prüfungsschwerpunkte gerecht zu werden, wird im Rahmen des value audit als zentrales Element das Verständnis der Geschäftstätigkeit des zu prüfenden Unternehmens gesehen. Dazu gehören insbesondere Kenntnisse des Abschlußprüfers

über die Art der Geschäftstätigkeit,
über die speziellen Risiken der Geschäftstätigkeit,
über die Organisation des zu prüfenden Unternehmens sowie
über das Unternehmensumfeld (Branche, Märkte).

Im Gegensatz zum audit risk Ansatz, bei dem Prüfungsschwerpunkte primär nach dem inhärenten und dem Kontrollrisiko einzelner Prüffelder ausgewählt werden, der Ansatz somit einer bottom up Vorgehensweise entspricht, soll die Vorgehensweise im Rahmen des value audit Prozesses top down, also ausgehend von der Gesamtsituation des zu prüfenden Unternehmens, erfolgen.

Die top down Vorgehensweise spiegelt sich auch in den einzelnen Bestandteilen des dem value audit Ansatz zugrundeliegenden Prüfungsprozesses wider. Dieser besteht aus den folgenden Abschnitten:

Strategische Analyse zum Erwerb eines grundlegenden Verständnisses der Geschäftstätigkeit des zu prüfenden Unternehmens, der vom Unternehmen verfolgten Ziele sowie der generellen Risiken, denen das Unternehmen durch seine Marktstellung ausgesetzt ist.
Analyse der einzelnen Geschäftsprozesse zur Feststellung von Risiken auf der Ebene der einzelnen Wertschöpfungsketten sowie im Hinblick auf die durch Kontrollen erfolgende Reduktion von Risiken.
Risikobeurteilung anhand der bisher getroffenen Feststellungen zur Planung weiterer Prüfungshandlungen.
Überprüfung der Risikobeurteilung durch Analyse der tatsächlichen Geschäftsdurchführung im abgelaufenen Geschäftsjahr anhand von Einzelfallprüfungen einerseits und analytische Prüfungshandlungen andererseits.

Darüber hinaus wird als weiterer wesentlicher Bestandteil des Prüfungsprozesses beim value audit Ansatz die Möglichkeit gesehen, zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Geschäftsprozesse im Unternehmen beizutragen (management letter).

Auch wenn der value audit Ansatz geeignet sein sollte, das Problem des zunehmenden Wettbewerbs auf dem Prüfungsmarkt für die einzelne Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu lösen, indem zusammen mit der Jahresabschlußprüfung auch Beratungsleistungen erbracht werden, so wirft der Ansatz doch eine Reihe von Problemen auf.

Zunächst ist festzuhalten, daß der Nachweis für die Zuverlässigkeit der Routinetransaktionen im Rechnungswesen gerade Gegenstand der Jahresabschlußprüfung ist und daher vom Abschlußprüfer nicht vorausgesetzt werden darf.
Die im Rahmen der strategischen Analyse getroffenen Feststellungen zu den generellen Risiken, denen das Unternehmen ausgesetzt ist, sind auch nach den durch das KonTraG erfolgten Änderungen im Hinblick auf die Prüfung der Risikoberichterstattung nicht erforderlich. Fraglich ist außerdem, ob der Abschlußprüfer, der nur wenige Wochen im Jahr bei dem Unternehmen tätig wird, zu fundierteren Ergebnissen kommen kann als das Management des Unternehmens.
Schließlich ist die kontinuierliche Verbesserung aller Geschäftsprozesse im Unternehmen, nicht nur der Prozesse, die die Rechnungslegung betreffen, nicht Gegenstand des gesetzlichen Prüfungsauftrages für die Jahresabschlußprüfung, so daß die Anwendung des value audit Ansatzes insoweit nur bei einer Erweiterung des Prüfungsauftrages in Betracht kommt.

Quellen:

Wiedmann, H., Ansätze zur Fortentwicklung der Abschlußprüfung, WPg 51. Jg. (1998), S. 338-350.

Stefan Göbel

© Lehrstuhl Prof. Dr. Gerhard Scherrer

Feb. 99

Zurück Nach oben

Prof. Dr. Gerhard Scherrer
Universität Regensburg
Universitätsstr. 31
93053 Regensburg

Postanschrift:
Wirtschaftswiss. Fak.
93040 Regensburg

Tel.: +49 941 943-2691
Fax: +49 941 943-4497

Sekretariat:
Sonja Amann
Tel.: +49 941 943-2692
Fax: +49 941 943-4497

Home
Lehre
OPI
Forschung
Mitarbeiter
Aktuell

 

 

SucheImpressumHomepage

Stand:

15.05.00

Bearbeiter:

Kelle